Das ist nicht schön hier“, meint Herr Kraft.

Der Raum sagt viel über den Ort aus, an dem er sich befindet – niedrige Decken, hohe Fenster. Schaut man raus, wird das bisschen blauer Himmel von Gitterstäben durchbohrt. Der Rest erinnert an einen gewöhnlichen Klassenraum. Pult, Tafel, Kartenhalter, weißgelbliche Wände, ein Knopf für Hausalarm. Den verhängt Herr Kraft mit seiner Jacke. Es gibt keinen Haken. Das ist sein Arbeitsplatz. Lehrer im Strafvollzug seit über 30 Jahren. Und jetzt die letzten vier Diensttage, dann geht er in Rente.

„97 hört! Es kommen sieben Gefangene“, schallt es aus dem Funkgerät, das an Herrn Krafts Gürteltasche sitzt. Der Unterricht beginnt um acht Uhr und endet mit einem Funkspruch um zwölf.  Herr Kraft nimmt sie in Empfang und führt die Insassen zum Klassenraum. Für vier Stunden sind sie nun Schüler. In den Händen halten sie ihren Schulrucksack. Ein transparenter Plastikbeutel mit schwarzem Ordner, leerer Tabakverpackung, umfunktioniert zu einem Etui. Sie sitzen an Tischen – u-förmig angeordnet. Sieben müde Gesichter mit dunklen Schatten unter den Augen lächeln und grüßen.

Wie jeden Morgen fragt Herr Kraft. : „Wie geht’s Ihnen?“ „Gut“, antworten die Schüler mehr höflich als ehrlich. „Gut? Das kann doch gar nicht sein, Sie sind doch im Knast!“

Dort sitzen 840 erwachsene, männliche Häftlinge. Jeder Zweite kommt aus dem Ausland und spricht eine andere Sprache. Das hier ist einer von zwei Elementarkursen für je zwölf Gefangene aus der Untersuchungshaft und Strafhaft. In den Elementarkursen geht es um die sprachliche Erstversorgung, um den Insassen eine einfache Kommunikation im Knast mit Abteilungsbeamten, Pädagogen, Psychologen, Sozialarbeitern und Abteilungsleitern zu ermöglichen. Auf der Warteliste stehen 130 Häftlinge und die Anträge häufen sich. Mehr Unterricht gibt es nicht. Geht nicht. Schüler sein wollen hier viele, aber Lehrer will kaum jemand sein. 

Hausaufgabenkontrolle. Die Schüler ____ (müssen) einen Lückentext mit Modalverben füllen und den Text abschreiben. Eine übliche Zellenaufgabe. Ein paar durchsuchen ihre Zettelwirtschaft nach den Arbeitsblättern. Andere haben die Hausaufgaben ordentlich erledigt. Da zeigt sich, wer in der Schule war und wer sie nie kennengelernt hat. Ordnung halten, Hausaufgaben erledigen und sie abheften – klingt für den einen selbstverständlich, für den anderen ist das Neuland. Das ist eine der großen pädagogischen Herausforderungen im Knast. Extrem heterogene Schüler. Das fängt mit der Kultur an und hört bei dem Bildungsniveau auf. „Im Jugendstrafvollzug führt das zu großen Problemen bei der Disziplin, hier nicht. Unterricht im Erwachsenenvollzug ist gesetzter. Es gibt kaum Probleme mit der Disziplin“, meint Herr Kraft. Ein Schüler, früher Ingenieur, beugt sich rüber zu seinem Sitznachbarn, ein Analphabet  und hilft ihm den Lückentext auszufüllen. Herr Kraft führt den Unterricht freundlich und bestimmt, gibt jedem die Chance sich zu verbessern. Jeder kommt zu Wort. „Herr Eger lesen Sie doch bitte den nächsten Satz. Nicht einschlafen.“ „ Ja.  Er__ (sind) krank.“  Herr Eger ist mit 60 der Älteste in der Runde und drogenabhängig. Müde, träge, kaum noch anwesend, weil er mittags erst Methadon bekommt. Ich bin im Knast, du bist im Knast,

er, sie, es ist im Knast, wir sind im Knast.

Der Lernstoff dockt an die Realität der Häftlinge an. Das steht allerdings in keinem Lehrplan. Der existiert gar nicht. Das Handeln eines Lehrers wird hier, anders als draußen, nicht in Frage gestellt. Das bietet Freiheiten in der Unfreiheit. Sie können testen, was funktioniert, was brauchen die Leute. Gleichzeitig gibt es wenig Hilfe. Herr Kraft bedient sich an den Fachbüchern Deutsch als Fremdsprache oder an Grundschulbüchern.

Die Inhalte dieser Bücher sind meistens fernab der Wirklichkeit der Häftlinge. Deshalb hat Herr Kraft ein Bilderlexikon für den Vollzug entworfen. Abgebildet sind Hafträume, Abteilungen, Waschbecken, Zahnbecher, Butter, Tabak mit deutschen und arabischen Untertiteln. Diese Inhalte werden gebraucht.

Ich ___(sein) froh, denn ich ___ (haben) ein leichtes Leben. Ich__  (haben) eine Familie, Freunde und eine Arbeit. Alle __(haben) genug zu essen  und ein Dach über dem Kopf. Für die Kranken__ (haben) wir Ärzte und Krankenhäuser. Es __(sein) Frieden und wir __(haben) ein reiches Land. Wir ___(haben) Glück.

„Was ist kein leichtes Leben?“ fragt Herr Kraft. „Ein schweres“, antwortet ein Schüler. „Ist das Leben im Knast leicht?“

Es geht nicht nur um die Gegenwart, für sie geht es um die Zukunft. Plötzlich hängen Entlassung, Freiheit, Abschiebung im Raum.

„Wissen Sie, ob wir abgeschoben werden?“ fragen die Schüler Herrn Kraft. „Nein, das weiß ich nicht.“

„Zentrale Haus 4 für 97. Wir machen jetzt eine Pause.“ Jeder Ortswechsel muss per Funk gemeldet werden.

15 Minuten Freigang für die Schüler und Herrn Kraft. Während die Schüler  draußen ihre Runden drehen, dabei alle vier Wände des Innenhofs streifen, mal stehen bleiben, reden, erzählt Herr Kraft von den 80ern. Die Lehrerarbeitslosigkeit und die Jahresverträge brachten ihn als Lehrer in den Knast. Freiwillig, vielleicht auch wegen der Verbeamtung, des besseren Gehalts oder doch des Urlaubs außerhalb der Ferienzeit? Wenn er nächste Woche in Rente geht, gibt es an dieser JVA noch zwei Lehrer. Weitere werden gesucht. Eine geeignete Kandidatin gab es. Nach dem Bewerbungsgespräch schaute sie sich noch einmal die Räumlichkeiten an und lehnte den Job ab.  Nicht für jeden ist das der richtige Beruf. Viele wissen aber auch gar nicht, dass er überhaupt existiert.

„Zentrale Haus 4 für 97.Die Pause ist jetzt zu Ende.“ Und Kurswechsel. Herr Kraft tauscht mit seiner Kollegin die Klassen. Vom Elementarkurs für Strafhäftlinge geht es in den Elementarkurs für Häftlinge, die in der Untersuchungshaft sitzen. Diesmal sind es fünf Schüler, alle zwischen 28 und 45. Sie sind seit vier Monaten, einem halben oder ganzen Jahr hier. Ein Häftling murmelt: „zu unrecht“. „Die Schüler aus der U-Haft sind deutlich angespannter und nervöser. Sie machen im Unterricht gut mit. Aber man merkt, die warten auf ihr Urteil“, kommentiert Herr Kraft Im Gegensatz zu den Strafgefangenen, die ihr Urteil genauso kennen wie ihr Lehrer.

Wie funktioniert Unterricht, wenn man weiß, da ist jemand im Klassenzimmer, der hat mit Menschen gehandelt, jemanden verletzt oder getötet?

Draußen wie drinnen steht der Bildungsauftrag im Vordergrund. In vielen Punkten gleicht der Lehrerberuf im Knast dem in der Freiheit . Jeder sollte unvoreingenommen in den Raum gehen. Ein schwieriger Raum. Herr Kraft kennt von all seinen Schülern die Akten und Gutachten. Er hat sich abgewöhnt diese im Detail zu lesen. Zu viel davon hat er mit in den Feierabend genommen.

Es geht darum immer den Einzelnen zu sehen. Was kann man aus dem Schüler herausholen? „Es gibt Häftlinge, die sind schüchtern, haben Angst Fehler zu machen. Sie sind durch die Haft geprägt. Jeder dieser Menschen wurde durch etwas Besonderes geprägt“, bemerkt Herr Kraft. Im Unterricht fragt er seine Schüler: „Warum seid ihr hier? Ihr seid doch schlau.“ Und dann erzählen sie ihre Geschichte. „Ob wahr oder nicht. Wir kennen nicht das Leben, das die Schüler früher geführt haben. Wo sie groß geworden sind, welches Rechtssystem dort besteht, ob es überhaupt funktioniert?  Die Menschen kennenzulernen, ein Bewusstsein für ihre Straftaten zu bekommen und eine vertrauenswürdige Beziehung aufzubauen, ist wichtig. Man lernt seine Schüler nicht nur durch Akten und Gutachten kennen.“

Im Elementarkurs für die Schüler aus der U-Haft geht es ebenfalls um die Modalverben, das Präsens – die deutsche Sprache zu vermitteln. „Früher war der Unterricht anders. Da konnte ich noch mit fortgeschrittener Mathematik, deutscher Grammatik und allgemeiner Bildung arbeiten“, sagt Herr Kraft. Das Gefängnis ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Heute gibt es andere Aufgaben, 50% Ausländeranteil. Starke Zuwanderung, Lehrer fehlen – drinnen wie draußen-  und die pädagogische Herausforderung wächst. Herr Kraft erinnert sich noch gut an seine erste Unterrichtsstunde im Gefängnis. Er betritt angespannt die Klasse, stellt sich kurz mit seinem Namen vor und will mit seinem Deutschunterricht beginnen.  „Moment mal“, unterbricht ihn einer der Gefangenen. „Erklären sie uns erstmal wie ein normaler Lehrer freiwillig in den Knast gehen kann?“ Eine kleine Bemerkung, die Herr Kraft verdeutlicht, das Gefängnis ist ein sehr menschlicher Ort.  Seitdem berücksichtigt er als Lehrer auch immer die Stimmung im Klassenraum. „An manchen Tagen sind die Knackis schlecht drauf. Das Thema der Schuld schwingt immer mit.“

11.15 Uhr – „Zentrale Haus 4 für 97. Der Unterricht ist beendet.“

     Neben den 24 Unterrichtsstunden jede Woche besuchen die Lehrer auch einzelne Häftlinge.  Wenn Herr Kraft eine Zelle aufschließt, fragt er höflich: „Darf ich hereinkommen?“ Auch wenn es praktisch gesehen ein Wohnklo ist, bleibt es ihr persönlicher Raum. „Ich behandle sie so, wie ich finde, man Menschen behandeln sollte. Wir Lehrer gehören zu den Guten, weil wir geben und nicht nehmen.“ Bei den Besuchen geht es um einen konzentrierten Förderunterricht für Analphabeten und spezielle Fälle. Häftlinge, die die Förderung brauchen aber nicht in einer Gruppe unterrichtet werden können. Funkgerät und Schlüsselbund sind Herrn Krafts ständige Begleiter. Dabei geht es um seine Sicherheit. Einen erwachsenen Menschen einzuschließen bleibt für ihn bis heute ein komisches Gefühl. Beim Betreten einer Zelle wird die Tür immer vorgeschlossen. In seinen ersten Wochen als Lehrer im Knast hat er das vergessen und danach nie wieder. Herr Kraft betritt eine Zelle und vergisst vorzuschließen. Ein Beamter geht an der offenen Tür vorbei ohne reinzuschauen und macht die Tür zu. Nach dem Gespräch will Herr Kraft gehen, als er merkt, die Tür lässt sich nicht öffnen. Er hat sich mit dem Häftling in dessen Zelle eingesperrt und spürt Angst. Konnte und wollte das aber nicht offen zeigen. Der Häftling schmunzelt und fragt: „Ja, was machen sie denn jetzt?“ „Das weiß ich auch nicht“, antwortet der unerfahrene Herr Kraft. „Setzen sich sich jetzt erstmal hin und trinken mit mir einen Kaffee. In einer halben Stunde rücken wir zur Arbeit aus.“  Im Justizvollzug ist es wichtig, immer wachsam zu sein. Wenn man als Lehrer neu in der JVA anfängt, läuft man erstmal mit, lernt den Umgang mit den Schülern kennen und wird über Formalien und Sicherheitsmaßnahmen aufgeklärt, denn das Risiko bleibt. Keiner kann in die Köpfe der Häftlinge schauen, auch nicht die Dachdecker. (Knastsprache für Psychologen)

An seinem letzten Arbeitstag bringt Herr Kraft Sucuk, Käse und Brötchen mit. Ein kleines gemeinsames Frühstück mit seinen Schülern und den anderen Lehrern. Während sich seine Schüler seinen Ruhestand unter Palmen ausmalen, weiß Herr Kraft, er hat hier nicht ungern gearbeitet. Aber jetzt ist es genug. „ Es war gut hier, aber auch anstrengend. Die Umgebung wird mir nicht fehlen. Ich gehe mit zwei lächelnden Augen.“ Seine Kollegen und  Herr Kraft sind sich dennoch sicher. Sie würden jederzeit wieder im Knast arbeiten. Draußen als Lehrer eher nicht. Keine Elterngespräche, keine Klausuren und Freizeit bleibt Freizeit. Für die freie Stelle, die Herr Kraft hinterlässt, gibt es zwölf Bewerber. Aus München, Österreich, Hamburg, Berlin. Manche haben promoviert. Schon bevor seine Kollegen und er die Bewerbungen anschauen, wissen sie, wie der Lebenslauf aussieht. Alle zwei Jahre eine neue Dozentenstelle, ein Jahresvertrag nach dem nächsten und jetzt einfach der Wunsch nach einer Festanstellung. Nur selten verschlägt das Interesse an dem Beruf die Bewerber in die JVA .

Die Aufgabe des Pädagogen im Knast besteht darin, den Häftling sozial zu stabilisieren, damit er nach der Haft zurecht kommt, ohne wieder zum Täter zu werden. Herr Kraft hat sich immer wieder gefragt: „Kann man in Unfreiheit auf Freiheit vorbereiten? Wie tief muss der Knast beeindrucken, dass niemand wieder rein will?“ In der Realität ist die JVA eine Drehtür. Mehr als die Hälfte der Insassen kommen wieder zurück. In Herrn Krafts Büro, eine ehemalige Zelle, hängt ein Schild. Schwarz auf weiß steht dort: Keine Sinnfragen stellen.

  • Services

    Texting
    Editorial Design