Ameno, Novara, Italien  28.05.2017 

Tag der Schildkröte

Zwischen Rosen, Oliven, Schildkröte und Zitronen lebt es sich wunderbar. An einem (noch) geheimen Ort in der Region Novara, Italien liegt auf 530m Höhe die 800 Seelengemeinde Ameno. Das Gerippe dieses Dorfes sind schweißtreibende enge Gassen und sein Herz liegt im Innenhof des Künstlerzentrums Asilo Bianco. Eine grüne kreative Oase für Künstler aus aller Welt. Gegründet wurde der Verein 2005 von der Künstlerin Enrica Borghi und ihrem Mann Davide um sich der Umgebung von Ameno durch Kunst und Literatur zu widmen.  Und das gleiche machen wir für die nächsten 5 Tage . Jeder auf seiner Art und Weise. Wir starten hier zu Zwölft durch. Zwölf Studenten  suchen ihre Inspiration im italienischen Flair. Der eine will sich selbst finden, der andere nur die Creditpoints. Es sind Menschen, mit denen ich seit zwei Jahren zusammen studiere aber jetzt erst kennen lerne. In einem Dorf, in einem Innenhof. Mit Rotwein und einer Schildkröte, die uns ein bisschen Gesellschaft leistet. Sie macht ihren Runden, begegnet uns mit Argwöhnen oder gähnt uns ins Gesicht ( Sehr langsam). Wie wir selbst. Mit Ciabatta, Käse, Prosciutto und Espresso starten wir den heutigen Tag. Die Sonne scheint, obwohl das Smartphone vom Regen erzählt. Mit dem Auto geht es in den Nachbarort Armeno. Vom weitem sieht man schon die Chiesa Santa Maria Assunta. Ganz typisch für die romanische  Epoche zeigt ihr Körper Rundungen mit heruntergebröselten Fresken, die illustrativ alte Geschichten erzählen vom Leben und Tod. Es ist faszinierend, wenn man sich bewusst macht, das Kirchen lange das einzige Bildmedium für die Menschen waren. Heute begegnen mir jeden Tag eine Flut von Bildern durch die Masse der Medien, die es einem schwer machen sich zu konzentrieren und zu glauben. Aus dem linken Seitenausgang der Kirche führt ein grün bewachsender  Fußweg direkt in das Zentrum von Armeno. Eine Bank, Poststelle, ein Kiosk, Supermarkt, Trinkbrunnen. Es braucht hier nicht viel zum Leben. Mit einem Pistazien Eis auf der Zunge geht es weiter nach Agrano. Dort, in einer kleinen Kappelle, liegt sichtbar in einem Schneewittchen Kasten eine Mumie. Die Morta di Agrano (Die Tote von Agrano) Sie wurde 1747 in einem Massengrab der Frauen aufgefunden und in das Beinhaus der Kapelle verlegt; die Massenbestattung war in der Gegend um den Ortasee zur Zeit des Auffindens der Toten eine gängige Praxis. Die Mumie wurde inmitten der anderen, nunmehr fast verwesten Toten praktisch unversehrt aufgefunden. Der Legende nach hielt sie eine Hand auf der Brust, während die andere Hand den Segen spendete. Die seltsame Entdeckung wurde als ein Wunder angesehen und erregte in der kleinen Gemeinde großes Aufsehen. Als friedliches Symbol und Beschützerin ihres Dorfes legten die Menschen von Agrano ihre Mumie in den Glaskasten, wo sie auch heute noch liegt.

Die Provinzen um den blauen Ortassee bilden ein Meer aus grün Tönen. Versteckt liegen sprudelnde Quellen zum Trinken und Kleine Strände. Wer hier nicht baden geht, verpasst was! In schnellen Kurven geht es Abends wieder hoch Richtung Ameno. Der Magen knurrt und wir begeben uns in das Ortsansässige Restaurant Albergo Monterosa. Der Monterosa taucht nur leider nicht auf, denn das Smartphone behält recht. Der Himmel zeiht sich zu und es beginnt an zu regen. Die kleine Schildkröte in unserem Innenhof buddelt sich langsam in ihr Bett ein, und so machen wir es ihr mit ein paar Gläsern Wein nach.

Vercelli, 29.05

Tag des Kaffes und

wer hat die dickste Kirche?

Der italienische Espresso gehört einfach zur Atmosphäre. Und da unser Kaffeebeauftrager nach einer langen Weinnacht schwer aus dem Bett kommt, widme ich mich der italienischen Kunst. Wasser bis zum Ventil, Kaffee alla Lavazza bis zum Anschnitt , Kanne zu schrauben und den so urlaubstypischen Gasherd auf Hochtouren bringen. Die Schildkröte grüßt, wir tanken Sonne im Herzen von Ameno und setzten uns ins Auto. Nach einer Stunde auf der Autostrade tauchen links und rechts die ersten wassergetränkte Reisfelder auf. Das ist Vercelli. Bekannt für sein regional angebauten Reis und die Fresken des Künstlers Gaudenzio Ferrari in der Chiesa di San Christoforo. Die Barock Kirche stand bereits im 12. Jahrhundert wurde aber 1515 grunderneuert und erschlägt ein mit ihrem Innenleben. In ihr steckt das Gesamtkunstwerk von Ferrari. Dekorative Fresken erstrecken sich vom Fuß der Kirche bis zur Decke. Im Altarbereich fangen die Farben an zu strahlen und man verliert sich  in den vielen kleinen Räumen seiner komplexen Kompositionen. Ganz anders begegnet einem die Basilica San Andrea. Ihr Corpus besteht aus unzähligen Säulen, die sich ihren Weg nach oben suchen und wie ein Fadenkreuz bogenförmig zusammenlaufen. Begleitet von Ornamenten in Blau und Rottönen. Die Wände sind hier, anders als in der Chiesa die San Christoforo, fast kahl. Nur immer wieder taucht rhythmisch ein rotes Kreuz auf, dass stark dem Malteserkreuz ähnelt. In meinen Gedanken male ich die Mandelaförmigen Fenster der Basilica aus und frage mich was nehme ich aus diesen Orten mit?

Das ist keine Frage des Glaubens. Vielleicht eher eine Frage der Wertschätzung. Vercelli ist eine gemütliche Stadt, sie verbindet die verschieden Epochen. Und wir verbinden unseren trägen Gang durch die Stadt mit einem gemütlichem Essen in der kleinen Caffetteria con Cucina „Zenzero e Cannella.“ (Ingwer & Zimt)  Natürlich gibt es Rissotto aber auch lecker Salate mit Frittata und dem besten Büffelmorzerella.  Nach dem Essen erhalten wir noch einen raschen Einblick in die Associazone Irrigazione Ovest Sesia. (Der Bewässerungsveband der Region) In einem prunkvollen Altbau, wird uns von dem Bewässerungssystem der Region und der Wasserversorgung des Reis erzählt. Ein komplexes System, das sich mit vielen Kanälen durch Norditalien erstreckt und den Reis tränkt.

In der Nachmittagssonne kommt in uns allen der Wunsch nach einer Abkühlung auf. Wir fahren zurück nach Novara an den Ortasee und entdecken eine kleine Strandbucht.

Schwimmen mit Ausblick, beschreibt diese Erinnerung wohl am besten.

30.05 Orta San Giulio

Tag der Insel

Inmitten des Lago di Ort schläft ein Kloster auf einer Insel. Der Sage nach war der See vor dem 4. Jahrhundert das Zuhause von Drache und Schlangen, bis der wundertätige Grieche Julius sie verscheucht hat und auf der kleinen Insel, die heute seinen Namen trägt San Giulio, ein Kloster aufbaute. Ein kleines Boot bringt uns von dem kleinen charmanten Ort Orta San Giulio zu der Insel. Bereits auf dem Wasser fällt einem die Basilica di San Giulio auf. Sie wurde im 9. Jahrhundert erbaut. Das verrät besonders der hintere Teil der Basilica. Dort erwarten einen bunte romanische Fresken mit wunderschönen abstrakten Bildgedanken, die einen rätseln lassen. Leider wird dieser Teil der Kirche von dem barockisierten Altar und der Krypta fast überblendet. Neben Gold, Engelsbacken und Prunk schlummern angeblich in der Krypta die Gebeine des heiligen Julius in einem gläsernen Sarg.

In dem Kloster wohnen nur Frauen in totaler Stille. Sie schweigen und reden nicht. Bei einem Rundgang säumen Weisheiten den Weg und definieren Stille. Die Stille ist die Sprache der Liebe , – ist Musik und Harmonie. Öffne dein Wesen. Nimm dich an, wachse und reife. Jede Reise beginnt ganz nahe. Und unsere geht weiter. Wir lassen die geheimen Winkel und Gassen hinter uns und legen ab. Wieder in Orta San Gulio kommen wir auf dem alten Marktplatz an, auf dem heute Oliven, Käse, Taschen, Handyhüllen, Bücher und Kitsch verkauft wird. Hier tummelt sich Gelateria an Galeteria und an jeder Ecke verkauft sich Italien mit Pasta in nationalen Farben und anderen Klitschees. Da die Parkuhr mit 2€ die Stunde im Portmonee tickt, fahren wir weiter zu unserem nächsten Ziel, in das Nachbardorf von Ameno – Vaccagio. In diesem unscheinbaren Dorf, liegt verborgen die Fortazione von Antonio Calderara. Der moderne italienische Künstler und Sammler lebte selbst einst dort bis zu seinem Tod 1978. Heute kann man hier seine Werke und seine Kunstsammlung bewundern. Zu dieser Sammlung gehören Werke von Lucio Fontana, der Zero Gruppe, Bernd Berner, Wolf Wezel und viele weitere. Bei dem Anblick packt mich die kreative Energie. Ich bekomme sofort Lust selber wieder meinen Worten Taten folgen zu lassen und Papier in Form zu bringen.

Rivoli, 31.05

Tag des Abendmahls

15 Km westlich von Turin liegt die kleine Stadt Rivoli. Auf ihrem Kopf sitzt das Castello di Rivoli – Museo d’Arte Contemporeana (Museum für zeitgenössische Kunst). Sein Bauwerk steht auf den Grundmauern der Antike, das Innenleben erzählt von einem festlichen Leben während der Barrock Epoche und heute präsentiert es die künstlerische Gegenwart Italiens. Die Sammlung des zeitgenössischen Museums zeigt eine Reihe von Künstlern und ihre Installationen, die auf eine einzigartige Weise mit den Räumen des barocken Schlossen harmonieren. Da ist zum Beispiel dieser weiße Saal, mit Stuck und glänzenden Karokacheln aus Mamor. Doch an der Stelle, an der ein prunkvoller Kronleuchter zu erwarten wäre, hängt ein ausgestopftes Pferd von der Decke. Der Gurt um den Buch geschnallt und den Kopf hängend. Die Haltung, dieser Anblick hinterlässt ein beklemmendes Gefühl in einem. Eine Arbeit von Mauricio Cattelan, der bekannt dafür ist Objekte unserer Realität in einen verstörenden Kontext zu setzen. Am faszinierendsten fand ich die Installation von Guiseppe Penone. An den Wänden des Raumes sind Gitternetzte befestigt gefüllt mit Laub, das beige und rosé farbend leuchtend. Der Geruch des Raumes empfängt ein. Es ist wie Herbst auf 40 qm. Versteckt am anderen Ende des Raumes hängt an der Wand eine menschengroßen Lungenskulptur. Jeder Lungenflügel ist ein Gebilde aus Blätter. Wir interagieren mit dem Raum, weil wir atmen. Wunderschön.

Da die Stadt Turin nicht weit entfernt ist, machen wir uns auf den Weg. Vierspuriger Kreisverkehr, italienisches Temperament und das ewig klingende Hupkonzert sprechen für die viert Größte Stadt Italiens. Die Ruhe kehrt ein mit dem Betreten der Piazza San Carlo. Die alten Mauern und schönen Fassaden der Altstadt zeigen dem Großstadtverkehr die kalte Schulter. Die Sonne heizt den Asphalt auf und wir flüchten in eine kleinen Gasse für Foccacia, Soda und Schatten. Nicht weit von der Piazza San Carlo steht der Turiner Dom. Magnet vieler Touristen. Ich würde behaupten schönere Glaubenshäuser in den letzten Tag gesehen zu haben. Der Dom verliert seine Atmosphäre, durch die Flatscreens, die auf die Echtheit des Leichentuch Christi bestehen, den Menschenmassen, und kitschigen Souveniershops. Vielleicht verbirgt sich hinter dem Dom mehr als ich gerade wahrnehmen kann.

An unserem letzten Abend wird im Asilo Bianco gekockt. Buscchetta, Spaghetti, Prosciutto und Schinken mit roten und weißen Wein. Wir lassen in Gedanken den Tag Revue passieren, philosophieren über Kunst, was uns die Installationen erzählen und was nicht. Dabei sind wir nicht einer Meinung und gerade das ist das schöne an solchen Orten, der Kunst und einer großen Gruppe, in der alles ausgesprochen werden darf ohne jemanden zu verletzten oder zu beleidigen. Genau dazu lädt die Kunst ein.

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