von Luisa Bebenroth

aus dem Magazin TO DO 

Sebastian, Wie schafft man es, dass die Süddeutsche Zeitung eine ganze Ausgabe der eigenen Masterarbeit widmet?

Sebastian: Vitamin B. Mein Professor hat das eingefädelt. Wir hatten ein Illustrationsfestival an der Uni, auf dem ich meine Masterarbeit vorgestellt habe. Die Art Direktorin der Süddeutschen Zeitung saß im Publikum und hat nach mir einen Vortrag über ihre Arbeit bei der SZ gehalten. In einem Nebensatz sagte sie: „Ich könnte mir schon gut vorstellen, dass der Sebastian unser nächstes Heft macht.“ Ich wäre fast vom Stuhl gefallen.

Was war die Idee deiner Masterarbeit?

Sebastian: In einem Kurs sollten wir Prototypen entwickeln – Lampen, Stühle und so weiter. Ein Student wollte Kaffeebecher zum Mitnehmen entwickeln und stellte ein paar Wochen später fest, dass es das alles schon gibt. Das konnte ich mir nicht vorstellen. Ich habe 99 Kaffeebecher erfunden. Mir fiel auf, dass ich schnell Ideen skizzieren kann und daraus ist meine Masterarbeit entstanden. Ich habe ein Kreativtool in Form von 36 Würfeln entwickelt. Jeder Würfel ist einzigartig. Auf den Würfel waren Symbole, die ich alle per Hand gezeichnet habe. Ein Beispiel: Du würfelst den Schlüssel und das Smartphone – das könnte eine Handyhülle zum Abschließen sein, damit man nicht den ganzen Tag auf das Handy schaut.

Wie ging es später mit der Süddeutschen Zeitung weiter?

Sebastian: Wir haben uns ein halbes Jahr Mails geschrieben. Zunächst haben die Leute von der SZ abgesagt und vertrösteten mich auf das nächste Jahr. Eine Woche später kam die Mail: „Sebastian! Nächste Woche brauchen wir all deine Ideen!“ Innerhalb einer Woche, haben wir das Magazin fertiggestellt. Das Cover durfte ich auch gestalten – das war schon das Größte, das ich jemals gemacht habe.

Hier hat jetzt Vitamin B geholfen, aber gibt es auch einen anderen Weg, um Erfolg mit seinen kreativen Arbeiten zu haben?

Sebastian: Man muss Glück haben. Das geht glaube ich nicht anders. Es bringt nichts den Stil, der gerade im Trend ist, zu kopieren und bei Instagram hochzuladen. Du musst es anders machen, auffallen, hunderttausend E-mails schreiben und hoffen, dass irgendjemand auf deine Arbeit aufmerksam wird.

Das heißt, du schickst deine Arbeiten einfach in die Welt?

Sebastian: Im März habe ich mir Zeitungen aus Amerika, Deutschland, England, Frankreich und Holland ausgesucht, die ich interessant finde. Ich habe 350 E-mails geschrieben und zehn im Sinne von „Cool – wir melden uns“ erhalten.  Vor ein paar Tagen hat sich die BrandEins gemeldet. Sie wollen mit mir zusammenarbeiten. Das wäre eine gute Chance mich bekannter zu machen. Dann wissen andere Magazine und Art Direktoren, dass es mich gibt.

Und was machst du, wenn du keine Aufträge bekommst?

Sebastian: Erstmal ein paar Tage ins Bett und unter der Decke verstecken. Das ist nicht einfach.

Glaubst du, dass man glücklich werden kann, wenn man seiner Berufung folgt, trotz ständiger Up und Downs?

Sebastian: Ich glaube, dass man dadurch glücklich werden kann. Du musst die meiste Energie aus den „Ups“ ziehen. Wenn es „Downs“ gibt, musst du dich an deine Erfolge erinnern.  Ein dickes Fell gehört zur Selbstständigkeit dazu.

War dir mit 18 bereits klar, dass du von deiner Kreativität leben willst?

Sebastian: Das war schon immer so. Im Kindergarten war ich der beste Zeichner. Später auf meinem Gymnasium hieß es, mit Kunst und Kreativität hast du keine Chance in der Arbeitswelt. Das hat mich ziemlich abgeschreckt.Deshalb habe ich erstmal eine Ausbildung als Gestaltungstechnischer Assistent gemacht.

Was steht auf deiner Visitenkarte: Grafikdesigner oder Illustrator?

Sebastian: Creator oder Creative vielleicht? 

Die Sz hat dich als „kreativen Kopf“ bezeichnet.

Sebastian: Das finde ich auch nicht schlecht. Mein großes Problem ist, dass ich sehr schnell gelangweilt bin. Wenn ich mir meine Skizzen nach zwei Monaten ansehe, finde ich das nicht mehr gut. Dadurch breche ich schnell Projekte ab.

Du könntest dich also nicht auf ein Feld wie Illustration festlegen?

Sebastian: Ich würde Illustration schon gerne langfristig machen, aber ich würde auch gerne einmal eine Ausstellung mit Objekten machen.

Das ist wahrscheinlich auch das, was dir am meisten Spaß an deinem Job macht.

Du kannst dir aussuchen, was du als Nächstes machen willst.

Sebastian: Man ist sehr frei, aber man wacht auch morgens auf und fragt sich „wie bekomme ich Kohle?“ Das ist ein ganz großes Problem. Im Februar hatte ich zum ersten Mal das Geld für den nächsten Monat noch nicht zusammen. Das war komisch. Viele aus meinem Freundeskreis sind festangestellt und kapieren es nicht, wenn ich nicht mit in die Kneipe gehen kann, weil ich die Kohle für den nächsten Monat noch nicht zusammen habe.

Warum arbeitest du nicht als Angestellter in einer Agentur?

Sebastian: Während und nach meinem Studium hatte ich bereits für das nächste Jahr Aufträge, Veranstaltungen und Vorträge. Ich wusste gar nicht, wie ich all diese Termine wahrnehmen sollte. So hat sich die Selbstständigkeit aus einer Welle von Aufträgen ergeben.

Eine andere Illustratorin meinte zu mir: „Gerade ist die beste Zeit Illustrator zu werden.“

Wieso boomt die Illustration derzeit?

Sebastian: Ich finde es die schlechteste Zeit um Illustrator zu werden. Es gibt einfach ein Überangebot. Viele stellen es sich cooler vor als es ist. Da steckt harte Arbeit hinter. Viele scrollen einfach nur durch den Instagram Feed, picken sich einen Stil heraus, kaufen ein iPad, um das nachzubauen.

Durch diese technischen Möglichkeiten hat man einen schnellen und einfachen Zugang zum Gestalten. Aber was macht dann einen guten Creator aus?

Sebastian: Eigenständigkeit und das Nichtkopieren. Der Boom von Illustration ist riesig. Sich davon abzusetzen ist nicht einfach. Ich habe letztens überlegt etwas mit Knete zu machen. Fünf Tage später sehe ich das auf Instagram.

Es ist schwer das Rad neu zu erfinden. Gerade Instagram kann als Plattform schnell zur Qual werden. Es gibt alles.

Sebastian: Und dann werden einem nur die Könige gezeigt, die erfolgreich sind und super Kanäle haben. Die Anderen schwimmen unten. Ein komischer Ort.

Ist denn Erfolg heute von solchen Plattformen abgängig?

Lilly: Die ganze Branche wird von den Sozialen Medien stark beeinflusst. Das sieht man besonders daran, dass Adobe viele Softwares entwickelt, die genau an die Formate wie Instagram anschließen, um den User zu bedienen. Die ganzen Marken werden auf den sozialen Plattformen immer größer und wir müssen als Content Creator unseren Wert auf diesen Plattformen immer mehr steigern. Gleichzeitig hat es mir viel ermöglicht. Ohne Instagram wäre ich gar nicht erst selbstständig geworden. Ich war bei einer Werbeagentur fest angestellt und irgendwann habe ich durch den Zuspruch, den ich durch Instagram hatte, den Schritt gemacht.

Wünscht ihr euch für eure Arbeit mehr Geld, Sinn oder Anerkennung?

Sebastian: Mehr Geld wäre cool. (lacht)

Lilly: Eine gute Balance von allem. Ich will gute Sachen entwerfen und möchte nicht nur doofe Sachen realisieren, um mehr Geld zu bekommen.

Sebastian: Ich hatte in letzter Zeit viele Kunden, die überhaupt keine Wertschätzung für meine kreative Arbeit hatten. Die Zeit und der Prozess, der dahinter steckt, wird nicht gesehen.

Lilly:  Auf der anderen Seite sehe ich da aber auch eine positive Entwicklung. Menschen mit guten Ideen werden immer einzigartiger. Das lässt sich nicht durch künstliche Intelligenz austauschen.

Wie reagiert ihr auf schlechte bis fehlende Bezahlung?

Lilly: Ich hatte letztens eine Anfrage von einer Social Media Agentur für Levis. Ich sollte etwas gestalten ohne Bezahlung. Der Trostpreis sollte eine Verlinkung auf dem Profil von Levis mit einer Million Follower sein. Aber Levis hat auch eine Million Euro. Es hat mir richtig Spaß gemacht dort abzusagen.

Was denken andere über eure Arbeit, was nicht stimmt?

Lilly: Viele glauben, der Job besteht nur aus Zeichnen. Dabei gehört noch mehr als nur kreativ sein. Dazu kommt viel Papierkram, an den du sehr strukturiert rangehen musst. Da brauchst du entweder einen Agenten, der das für dich regelt oder du bist gut organisiert. 

Man wird wahrscheinlich immer mehr zu so einer Ein-Frau-Agentur oder?

Lilly: Ja oder man tut sich zusammen, wie wir es mit unserem Designstudio BOB gemacht haben. Dadurch teilen wir uns ein paar Aufgaben, aber jeder ist sein eigener Chef. Es ist total gut in einem Raum zu sein, in dem andere Leute das Gleiche machen wie man selbst. Dadurch haben wir eine permanente Beratung. Ich möchte nie wieder allein von Zuhause aus arbeiten.

Wie ist das Studio BOB entstanden?

Lilly: Jeder von uns Vieren hatte schon sein eigenes Standbein, aber hatte auch Lust auf eine offene Zusammenarbeit. So ist das Studio Bob entstanden. Wir vereinen dort den Stil von uns allen – eine Mischung aus Illustration, Fotografie und viel Liebe zum Detail. Wir entwickeln keine 0815 Lösungen.

Glaubst du, dass das Gemeinschaftsbüro ein Konzept ist, das in Zukunft ein großer Trend sein wird? Man gründet ein Büro, jeder ist sein eigener Chef aber arbeitet gemeinsam unter einem Dach?

Lilly: Der Trend ist selbstständig zu sein und ich denke, dahinter stecken zwei Aufgaben. Die Agenturen müssen verstehen, das Designer Anerkennung brauchen. Es geht nicht darum immer und überall DIE Aufmerksamkeit zu bekommen, aber Anerkennung für die eigene Kreativität ist der Motor für das nächste Projekt. Dieser Mangel an Wertschätzung führt dazu, dass immer mehr Leute glauben, sie möchten lieber selbstständig werden. Mit unserem Konzept arbeiten wir nicht alleine und können uns ausreichend Feedback geben, um uns weiterzuentwickeln. Wenn aber alle selbstständig sein wollen, wird es auch schwierig werden.

Die meisten meiner Kommilitonen haben keine Lust auf eine Anstellung in einer Werbeagentur, weil Werbung nicht mehr cool ist. Die meisten wollen lieber beim Missy Magazin arbeiten und haben es schwer, nach dem Studium einen Job zu finden.

Lilly: Die Realität ist: selbst in der Selbstständigkeit kommst du nicht um kommerzielle Angebote herum, weil du sonst kein Geld verdienst. Und selbst wenn du als Hauptillustrator fürs Missy Magazin arbeitest, wirst du davon nicht leben können. Du brauchst noch etwas anderes, das deine Miete zahlt. Diese Erkenntnis kam bei mir nach dem Studium. Natürlich musst du nicht für jeden arbeiten, aber ich versuchen die kommerzielle Arbeit für eine gute Beratung der Kunden nutzen. So versuche ich immer ökologisch sinnvoll zu beraten, sodass der Kunde sich eher für  Glas oder abbaubares Plastik entscheidet. Wir versuchen immer darauf zu achten, dass die Leute Glas nehmen und nicht Plastikbehälter für ihr Packaging. Wenn es dann doch Plastik wird, dann eben abbaubares Plastik. Das funktioniert nicht immer, weil es ein Kostenfaktor darstellt. Aber es wenigstens zu versuchen und Einfluss zu nehmen, der gar nicht negativ ist.

Was ist für euch wichtige Arbeit?

Sebastian: Auf jeden Fall ist unsere Arbeit nicht so wichtig.

Lilly: Ein Arzt ist wichtig.

Aber der ist ja austauschbar.

Sebastian: Mein Bruder arbeitet in einem Flüchtlingsheim. Das finde ich wichtig. Ich denke mir hier ein Stuhl mit vier Besenstielen aus. Das braucht kein Schwein.

Lilly: Doch! Seine eigene Arbeit hält man nie für wichtig, aber wenn ich mir Sebastians Illustrationen ansehe, muss ich lachen. Das macht Spaß und das ist auch wichtig. Man braucht auch einfach etwas, woran man Spaß haben kann, sonst ist die Welt ja nur noch traurig. Unsere Arbeit kann auf wichtige Themen aufmerksam machen. Ich versuche in letzter Zeit kein Plastik mehr zu benutzen. Daraus würde ich auch gerne mal eine illustrative Arbeit machen und meine Community befragen. Nächste Woche machen wir ein Opening Event in unserem Büro. Dafür haben wir Yummy Vintage aus Berlin eingeladen, die eine Auswahl an Klamotten bei uns im Studio verkaufen werden. Davon gibt es in Düsseldorf noch zu wenig und ich bin es leid bei H&M einzukaufen. Das ist natürlich nicht der riesige Beitrag, aber ein weiterer Schritt. Das können wir machen, weil wir das Glück haben selbständig zu sein. Das ist natürlich nicht immer ganz einfach im Büroalltag, an dem man sowieso bis acht oder zehn Uhr abends arbeitet.

Du hast auch Kommunikationsdesign studiert?

Lilly: In Berlin und in Düsseldorf. Ich habe viele Praktika gemacht, weil ich zu Beginn nicht so genau wusste, was ich machen will. Dann hatte ich eine Festanstellung als Senior Designerin. Danach konnte ich die Bandbreite von Design im täglichen Leben besser verstehen und habe ich mich selbständig gemacht.

Inwiefern unterscheidet sich das Studium in Berlin und Düsseldorf?

Lilly: Die Uni in Düsseldorf ist ein wenig kreativer gewesen. Ich habe in Berlin an der HTW studiert, die auch gut ist. Dort gab es einen starken Fokus auf den Wirtschaftsbereich, was ich rückblickend gar nicht schlecht finde. Wie präsentiere ich richtig? Wie gestalte ich mein Portfolio. Das habe ich dort alles gelernt. Ansonsten bedeutet in Berlin zu studieren, nicht so gut aufgehoben zu sein wie in Düsseldorf.  Hier in Düsseldorf kennt man alle. Es gibt einen starken Zusammenhalt. Berlin ist super anonym, dafür hast du weltweite Inspiration. Ich habe dort Menschen aus der ganzen Welt kennengelernt. Berlin ist riesig und du brauchst ewig, um von einem Bezirk zum nächsten zu kommen. Das sind wohl die größten Unterschiede.

Wusstest du schon als Teenager, dass du Illustratorin werden willst?

Lilly: Ja, dank meiner Familie, die auch im Kreativbereich tätig ist. Mein Opa ist als Architekt selbstständig und meine Mutter ist selbstständige Designerin und Illustration. Mir war schon mit 14 klar: ich will Designerin werden. Die Vielseitigkeit an Design hat mir schon immer gut gefallen. Ich wollte auch eine Ausbildung zum Gestaltungstechnischen Assistenten machen, aber meine Familie war eher Fan davon, dass ich mein Abitur mache und danach studiere. Obwohl sie die kreative Branche gut verstehen, wünschten sie sich für mich den konventionellen Weg. Der Weg Abitur und Studium hatte den Nachteil, dass ich die Software Programme noch nicht wirklich konnte. Das bringt dir im Studium keiner bei.

Der Schwerpunkt Illustration hat sich durch mein Studium herauskristallisiert. Zeitweise war ich ein bisschen verloren im Studium, weil ich nicht wusste, in welche Richtung es gehen soll.

Kamen Zweifel bei dir auf?

Lilly: Mir fehlte eine Zeit lang die Richtung. Die entwickelte sich durch Praktika. Mein Praktikum bei Paperartist, die mit StopMotion Animation arbeiten, war klasse. Wir waren dort nur zu zweit und ich war das Mädchen für alles. Ich habe dort einen tollen Einblick bekommen, wie zum Beispiel die kreative Arbeit eines Art Direktors aussieht und hatte die Chance, für einen Auftrag mit nach Amsterdam zu fahren. Das Praktikum hat mir das nötige Selbstbewusstsein gegeben, um an diesen Berufsweg zu glauben. Deswegen sage ich auch jedem, der in die Selbständigkeit gehen will, macht Praktika!

Was war der erste Job, der dir bewiesen hat, dass das die richtige Entscheidung war?

Lilly: Ich hatte schon im Studium die Anfrage erhalten bei der Gestaltung eine App mitzuwirken. Danach hatte ich über längere Zeit keinen Auftrag mehr und das hat mich wieder verunsichert. Der nächste Job war für ein Branding. Ich hatte aber nie das Gefühl, dass mir die Qualität gefällt. Als ich Fest angestellt war, konnte ich nebenher viel ausprobieren und ein paar Aufträge annehmen. Durch Instagram habe ich viel Zuspruch für meine Arbeiten bekommen. Modelabels wollten Pins und Patterns von mir gestaltet haben. Es war und ist alles ein Prozess und nicht ein riesiger Job, der alles verändert hat.

Was hast du als Illustratorin bis jetzt gelernt?

Lilly: Ein gutes Netzwerk, Kollegialität und ein dickes Fell haben sind wichtig. Ich habe gelernt wie man richtig verhandelt: nämlich klar zu seinem Tagessatz zu stehen.

Was würdest du der nächsten Generation raten oder mit auf den Weg geben?

Lilly: Das man in der Social Media Welt nicht die Umwelt vergisst, in Hinblick auf die Menschlichkeit und unsere Welt. Meine Hoffnung ist es, dass wir wieder anfangen mehr zu reparieren anstatt wegzuwerfen und neu zu kaufen. Ich hoffe, dass die nächste Generation, das noch besser macht.